Auf der Konferenz FutureWeb 2010 in Raleigh, im US-Bundesstaat North Carolina, hat danah boyd eine rote Fellmütze auf. Sie spricht über Facebook als größten aller Datensammler. „Sieht sie nicht aus als wäre sie Resident Evil entstiegen, was meint ihr“, tweetet einer, und meint unter anderem die roten Schnürstiefel, die ihr zum Knie reichen. Von sich selbst sagt boyd, die ihren Namen in Kleinbuchstaben schreibt, dass sie eine Art technosozialer Unfall sei. Als eine der ersten Wissenschafter interessierte sich die Amerikanerin für die Mechanismen sozialer Netzwerke im Web. Heute ist sie ein Popstar der Szene.
Bekannt wurde sie mit einem Aufsatz aus dem Jahr 2007, in dem sie Klassenunterschiede bei US-Teenagern anhand von Beobachtungen auf MySpace und Facebook argumentierte. Dass boyd Gesellschaftsklassen thematisierte, brachte ihr vor allem bei Wissenschaftern Kritik ein. „Amerikaner sind nicht allzu gut darin, über Klassen zu sprechen und ich spüre dieses Unbehagen ganz deutlich“, kommentiert sie die Reaktionen später. Seit 2009 arbeitet boyd bei Microsoft Research, wo sie, wie sie sagt, die Freiheit hat, ihrer Forschung nachzugehen und das ohne jene Einschränkungen, die es mitunter an Unis gibt.
Boyd bringt zwei Sätze unter, wenn typische Sprecher einen sagen. Wenn sie über Jugendliche spricht, nimmt sie mitunter deren Sprache an und sagt zum Beispiel „I was like oooh“, um Erstaunen auszudrücken. Wenn sie über das Web 2.0 referiert, kann es einem schon so vorkommen, als sei man selbst noch nicht dort gewesen. Sie berichtet etwa vom perfekten Fluss im Informationsraum, der ihren Beschreibungen nach einer Art besonderem metaphysischen Zustand gleicht. Sie spricht über Unternehmen, die nicht wissen, wie ihnen im Web geschieht: Coca-Cola etwa, das nicht weiß, warum sich die Leute nicht in Heerscharen mit seiner Facebook-Page verbinden; oder Marktforscher, die Twitter nicht begreifen, weil sie nur einen Teil des Ganzen sehen.
pfm-Magazin: Gibt es das bei Ihnen, dass sie eine Überdosis Web erwischen und tags darauf ganz bewusst nicht online gehen?
danah boyd: Oh ja, das mache ich öfters einmal. Ich bin da ziemlich extrem. Wenn ich etwa auf Urlaub bin, schalte ich alles ab – E-Mail, Twitter, Facebook. Wenn mir dann jemand eine E-Mail schickt, erhält er eine Antwort, in der steht, dass alle eingehenden Nachrichten gelöscht werden und man mich für wichtige Angelegenheiten nach dem Urlaub kontaktieren soll. Wenn es etwas tatsächlich nicht Aufschiebbares gibt, sollen die Leute meine Mutter anrufen – und nur sehr wenige rufen bei ihr an.
pfm: Urlaub heißt also auch Urlaub vom Web?
boyd: Mein Handy habe ich die ganze Zeit dabei, vor allem, um Informationen nachzuschlagen. Wenn ich mit meiner Partnerin auf Reisen bin, genießen wir es, uns vor Maya-Ruinen hinzustellen und mehr herauszufinden als die zwei Sätze am Schild davor verraten. Es ist übrigens witzig: auf diesen Tafeln stehen nie die anstößigen Einzelheiten. Wussten Sie, dass Raphael starb als er Sex hatte? Online zu gehen, hat für mich zwei Gründe: mit Leuten in Kontakt zu treten und Information. Und wenn ich eine Auszeit von den Leuten brauche, dann ist das eben so.
pfm: Was raten Sie Facebook-Neulingen?
boyd: Dass sie mit Freunden darüber reden sollen, warum diese auf Facebook sind und was sie dort machen. Soziale Normen sind lokal. Man muss zuerst versuchen, das System zu verstehen, bevor man es mit Daten befüllt. Erschwerend hinzu kommt, dass die Technologie dahinter kompliziert ist. Daher sollten die Sicherheitseinstellungen anfangs hochgefahren sein, was man mit wem teilt sollte bewusst entschieden werden.
pfm: Facebook erhält derzeit seinen größten Zulauf von Leuten über 35. Welche Folgen hat das?
boyd: Es bedeutet, dass Erwachsene endlich lernen, womit sich ihre Kinder beschäftigen. Die längste Zeit hieß es, „Du liebe Zeit, was machen meine Kinder eigentlich?“. Das Problem ist, dass Erwachsene annehmen, ihr Verhalten auf Facebook sei dasselbe wie das ihrer Kinder. Erwachsene verhalten sich aber anders, weil sie sich in einer anderen Lebensphase befinden. Teenager möchten gesellig sein und herausfinden, wer ihre Freunde sind. Wer 40 ist, hat einen stabilen Freundeskreis und sucht eher Anschluss an die Vergangenheit, oder will mit Leuten, die er nicht oft sieht, in Verbindung bleiben. Manche suchen auch nach Beziehungspartnern. Aber insgesamt gibt es ganz unterschiedliche Absichten und Ziele.
pfm: Kann die Gesellschaft mit allem umgehen, was aus dem Web heraus entsteht?
boyd: Wir werden es schaffen. Es wird zwar Probleme und Rückschläge geben. Aber historisch betrachtet, haben wir es geschafft, auch mit den schlimmsten Situationen umgehen. Wir rebellieren, diskutieren und finden schließlich einen Weg. Jetzt wird gerade alles in die Luft geworfen, die Leute sind verwirrt, unsicher. Wir müssen erst die Balance finden.
pfm: Auf Facebook treffen unterschiedliche Kulturen und politische Ansichten aufeinander. Muss es eine Regulierung geben, um Zusammenstöße zu verhindern?
boyd: Das ist knifflig. Nehmen wir Friendster, eine Art Vorgänger von Facebook. Als sich Neonazis dort breit machten, gab es gewaltigen Krach. Rufe wurden laut, dass man die Neonazis hinauswerfen sollte. Das Ganze stabilisierte sich, weil Menschen Mauern bauen: Sie errichten soziale und technologische Barrieren zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Nur, weil die Leute gezwungen sind sich mit jemandem zu konfrontieren, der völlig anders ist als sie selbst, bedeutet das nicht, dass alles gut wird und im Kumbaya endet. Die Herausforderung ist es, Toleranz zu schaffen. Und wer toleranter werden will, muss sich wirklich bewusst darauf konzentrieren. Das ist keine Frage von Regulierung, sondern eine der sozialen Norm und wie man mit seinen eigenen Problemen umgeht. Das sind höchst komplizierte Fragen, die offline noch nicht geklärt wurden und sich auch online nicht einfach so lösen lassen. Das ist alles ein Prozess.
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Juli 2010 / Alexandra Riegler
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Juli/August-Ausgabe des pfm-Magazin.
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