Als am Christtag 2009 ein Passagier eines Northwest-Airlines-Fluges kurz vor der Landung in Detroit Sprengstoff zur Explosion bringen will, der in seiner Unterwäsche versteckt ist, stürzt sich ein Mitreisender geistesgegenwärtig auf ihn und verhindert eine Katastrophe. Noch am selben Tag erhöhen Flughäfen weltweit ihre Sicherheitsstufen.
Am Flughafen München Franz Josef Strauß, einem wichtigen Hub für Star-Alliance-Flüge in die USA, werden Sicherheitsvorkehrungen seither noch penibler durchgeführt. Auf einer Strecke von 20 Metern gibt es zwei Passkontrollen. Die doppelten Kontrollen des Handgepäcks für Transatlantikflüge gibt es bereits seit Inbetriebnahme des Terminals im Jahr 2003. Nach Durchschreiten der Metalldetektoren stehen zusätzliche Gepäckinspektionen an. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass irgendwo ein Terminal abgeriegelt oder ein Flug umgeleitet würde.
Strapaze Flugreise
Flugreisende sind also inzwischen einiges gewohnt. Sie ziehen am Sicherheitscheck ungefragt Schuhe und Jacken aus, legen Gürtel und Schmuck ab und Notebook-Computer in gesonderte Plastikboxen. Sie durchschreiten auf Socken die Metallscanner und öffnen Handgepäckstücke zur genaueren Inspektion. Seit britische Behörden einen Plot verhinderten, bei dem mehrere Flugzeuge über dem Atlantik mittels Flüssigsprengstoff zerstört werden sollten, ist die Mitnahme von Flüssigkeiten stark eingeschränkt. Seit diesem Zwischenfall fordern mehrere Fluglinien Reisende dazu auf, eine Stunde vor der Landung möglichst nicht aufzustehen. Damit sollen Zugriffe aufs Handgepäck und Besuche der Toiletten verringert werden – der Beschuldigte am Detroit-Flug verschwand einige Zeit am Klo um den Sprengstoff vorzubereiten. Lufthansa, die von München aus die US-Ost- und Westküste anfliegt, verzichtet auf diese Maßnahmen.
Aktion und Reaktion
Dass der mit der Terrororganisation Al-Qaida in Zusammenhang gebrachte Mann den Sprengstoff in seiner Unterwäsche an Bord schmuggeln konnte, ist für Fachleute nicht die größte Überraschung. Vielmehr hätte das Sicherheitssystem lange vorher Alarm auslösen müssen. Laut Angaben der Ermittler hatte dieser ein One-Way-Ticket, das überdies bar bezahlt war.
Er reiste trotz der langen Strecke nur mit Handgepäck und zu guter Letzt schien sein Name auch auf einer Liste mit Terrorverdächtigen auf. Für viele Sachkundige gilt dies als Beweis, dass ein engmaschiges Sicherheitssystem nicht automatisch mit höherer Sicherheit gleichzusetzen ist. Kritisiert wird von Experten wie dem US-Amerikaner Bruce Schneier, dass neue Maßnahmen stets nur direkte Reaktionen auf bestimmte Bedrohungen sind. Damit sind Behörden den Bedrohungen nicht nur hinterher. Mit dem Adressieren eines einzigen Szenarios, so die Kritik, wird Scheinsicherheit verbreitet. So müssen Reisende bei manchen Sicherheitschecks die Schuhe erst ausziehen, seit der „Schuhbomber“ Richard Reid Sprengstoff in seinen Turnschuhen versteckte. Ebenso ist die Mitnahme von Flüssigkeiten an Bord erst seit den vereitelten Flüssigsprengstoffattacken beschränkt. Nach Ansicht Schneiers konzentrieren sich viele Sicherheitsteams überhaupt auf das Falsche.
Anstatt auf Flughäfen Schadensbegrenzung zu betreiben, indem nach Flüssigkeiten gefahndet oder Handgepäcksgriffe nach Sprengstoffspuren untersucht werden, sollte das Geld für die Aufrüstung der Nachrichtendienste genutzt werden. Als besonders nutzlos gelten Flugverbotslisten. So werden derzeit zwar die Namen von Reisenden mit jenen auf den No-Fly-Listen abgeglichen, Geburtsdaten bleiben dabei aber ausgespart.
Haarsträubende Mängel
Mit Schneiers Hilfe machte der Journalist Jeffrey Goldberg 2008 auf das löchrige Sicherheitsnetz der US-amerikanischen Transport Security Agency (TSA) aufmerksam. Schneier hatte Goldberg zunächst einen gefälschten Boarding Pass besorgt. Hergestellt wurde dieser, so Goldberg, in einer Reportage im amerikanischen Politikmagazin The Atlantic, mit „ausgefallenen Fälscherwerkzeugen“: einem Notebook-Computer von Sony und einem Laserdrucker von Hewlett-Packard.
Weil der Fokus der meisten Sicherheitsbediensteten auf Flughäfen auf bestimmte Objekte ausgerichtet ist, wird Offensichtliches allzu oft übersehen. Auf seinen Recherchereisen hatte Goldberg unter anderem Folgendes im Handgepäck mit dabei: Al-Qaida-T-Shirts, Dschihad-Fahnen, Videokassetten der Hisbollah und eine aufblasbare Puppe, die Yassir Arafat darstellen soll. Hinzu kommt eine bunte Mischung aus Taschen- und Teppichmessern, Nagelzwickern, Streichhölzern, Seilen und Staubmasken. Ein Nagelzwicker wurde bei einer Durchsuchung ausfindig gemacht, den Rest nahm Goldberg mit an Bord. Eine Sicherheitsbeamtin faltete zwar auch einmal eine Hisbollah-Fahne aus seinem Handgepäck, händigte ihm aber kurz darauf wieder seine Tasche aus.
Die 100-Milliliter-Flüssigkeitsregelung führte Goldberg schließlich ad absurdum, indem er sich eine Art Schärpe aus Neopren um den Bauch band – ein Produkt, das in den USA unter dem Namen „Beerbelly“ (Bierbauch) am Markt ist, um Alkohol unter anderem in Sportveranstaltungen zu schmuggeln. Der künstliche Bierbauch fasst bis zu 2,4 Liter Flüssigkeit. Am Sicherheitscheck blieb er unentdeckt. Ausgenommen von der Flüssigkeitsregelung sind Medikamente, darunter auch Reinigungslösungen für Kontaktlinsen. Auf die Frage, warum er zwei Flaschen á 0,3 Liter Linsenreinigungslösung mit an Bord nehme, quittierte Schneier mit der Antwort: „zwei Augen“. Der Sicherheitsmann ließ ihn gewähren.
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März 2010 / Alexandra Riegler
Den gesamten Artikel lesen Sie in der März-Ausgabe des pfm-Magazins.
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