Ethisch währt am längsten
Mit der Finanzkrise verhält es sich so wie mit Gallien und dem römischen Reich. Es gibt ein kleines Dorf namens Mikrofinance, das den Legionen der Finanzkrise trotzt. Weil es einen von Miraculix gebrauten Trank hat, der es mit den Menschen und mit der Ethik verbindet. Der Miraculix der Finanzbranche heißt Muhammad Yunus. Er ist Gründer der Mikrofinanzkredite vergebenden Grameen Bank und erhielt dafür im Jahr 2006 nicht den Ökonomie-, sondern den Friedensnobelpreis.
So wie Asterix und Obelix den Legionen Cäsars widerstanden, so trotzen auch die Fonds der Finanzkrise, die sich mit dem Thema Microfinance befassen. In Österreich ist es der von Seiler Asset Management aufgelegte Vision Microfinance. Der Fonds hält derzeit bei einem Volumen von 75 Millionen Euro, das bis zum Jahresende auf 100 Millionen Euro anwachsen wird. Der Ertrag im Jahr der Finanzkrise beträgt fünf Prozent und die Volatilität - also die Wertschwankungen - ganze 0,5 Prozent. Wer in den letzten Tagen und Monaten die Berichte von den Börsen verfolgt hat, dem muss das wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorkommen.
Das Mirakel ist relativ einfach aufzuklären. Microfinance vergibt Kredite in der Höhe von durchschnittlich 50 Dollar an Menschen in der Dritten Welt, die aber irgendeine Art von Landwirtschaft oder existierendes Geschäft haben. Menschen, die also einen bestehenden Bedarf in ihrem nächsten Umfeld befriedigen. Nehmen wir einen Bauern, der sich um 25 Euro statt eines Holzpfluges einen Metallpflug kaufen und dadurch mehr Lebensmittel produzieren kann, seinen Boden effizienter nützt. Er versorgt seine Familie besser und in seinem unmittelbaren Umfeld kann er mehr Produkte eventuell sogar billiger verkaufen. Der Effekt: Er macht mehr Geschäft und deshalb werden diese Kleinkredite im Durchschnitt zu 95 Prozent zurückgezahlt.
Microfinance Kredite werden zu etwa 20 Prozent verzinst, da der Aufwand bei durchschnittlichen Summen von 50 Dollar hoch ist. Aber da das Land den Bauern nicht gehört, können sie keiner normalen Bank Sicherheiten bieten und bekommen daher keinen Kredit. Lokale Geldleiher verlangen aber oft 20 Prozent pro Tag (!).
In der gerade geplatzten Finanzblase existiert jedoch in der Regel keine Verbindung mehr zum Menschen. Hier kauft Geld Finanzprodukte, die die Erfinder zuletzt selbst nicht mehr verstanden haben. Ein Bezug zur realen Welt ist kaum noch gegeben, wie jetzt weltweit massiv kritisiert wird. Jeder kluge Anleger strebt nach Diversifikation. Auch jeder Banker oder Anlageberater empfiehlt dies. Es soll also in Asset-Klassen investiert werden, die eine geringe Korrelation haben. Dank Finanzblase gibt es aber offenbar nur mehr hoch korrelierte Investments. Außer man investiert in Menschen, wie dies eben Microfinance tut. Hier ist offenbar der Korrelationsfaktor nahe Null.
Microfinance bietet einen doppelten Nutzen. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist es nützlich und ethisch richtig, wenn die Armen nicht zu arm werden. Wenn sich Menschen selbst versorgen können, dann brauchen sie keine Kriege zu führen und haben keinen Anlass auszuwandern. Die politischen Verhältnisse werden stabilisiert. Microfinance ist kein Almosen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. Leopold Seiler bringt einen anschaulichen Vergleich: "Wir haben die Situation, dass viele Menschen ökonomisch nur 1,60 Meter groß sind. Die erste Sprosse zum Kapitalismus befindet sich aber in einer Höhe von 2,20 Metern. Wir machen den Menschen in der Dritten Welt die Räuberleiter zum Kapitalismus."
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November 2008 / Peter F. Mayer
Den gesamten Artikel lesen Sie in der November-Ausgabe des pfm-Magazins.
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