Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer belebten Straßenkreuzung mitten in New York und haben keinen Reiseführer dabei. Den brauchen Sie auch nicht mehr! Mit einem Handy, das Kamera, Internet und GPS-Funktion integriert, sind Sie perfekt ausgestattet. Wer in Zukunft stirnrunzelnd vor einer Sehenswürdigkeit steht, muss nur sein Handy aus der Tasche holen und schon zeigt es ihm einen 3D-Plan des Gebäudeinneres inklusive aller relevanten Informationen. Die dahinter stehende Technologie nennt sich Augmented Reality (AR), zu deutsch 'Erweiterte Realität'.
Christian Doppler Labor
Mit den vielfältigen AR-Anwendungen für das Mobiltelefon befasst sich das neu gegründete Christian Doppler Labor 'Handheld Augmented Reality' an der TU Graz. Der Forscher und stellvertretender Laborleiter Daniel Wagner arbeitet am Thema Lokalisation und Tracking, also dem Erkennen der aktuellen Position und der Orientierung am Handy. 'Ohne diese Technik wüsste das AR-System nicht, wohin die Kamera zeigt und welche Augmentierungen wo am Bildschirm anzubringen sind', so Wagner. Michael Gervautz, Gründer und Geschäftsführer der Imagination Computer Services GmbH, das als Kooperationspartner des Grazer AR-Labors deren Projekte auch mitfinanziert, erklärt: 'In den Forschungslabors existiert AR bereits seit 15 Jahren, dies jedoch nur am PC. Das volle Potenzial kann erst durch das Handy angesichts der Mobilität ausgeschöpft werden.'
Virtuelles Grubengraben
Dank ihrer erweiternden Charakteristik kann AR auch einen wesentlichen Beitrag zur Arbeitsprozess-Optimierung bei Leitungsanbietern, in den Bereichen Auskunft, Wartung, Störungsmanagement und Netzplanung liefern. Die TU Graz und die Gesellschaft für graphische Informationstechnologie GmbH (Grintec) haben mit 'Vidente' ein Projekt ins Leben gerufen, das Baustellenpersonal von Energieversorgern und Infrastrukturunternehmen in ihrer Arbeit unterstützen soll. Dabei werden elektrische Leitungen sowie Informationen zu Maßen, Entfernungen und Beschaffenheit grafisch sichtbar. Insbesondere im Planlesen ungeschulte Mitarbeiter erhalten so ein 3D-Hilfsmittel für den direkten Einblick in unterirdische Infrastrukturen.
In der Forschung wird gerne auch das Szenario Wartung genannt. Die AR-Forschung ebnet auch im Automobil-Sektor den Weg für neue Einsatzmöglichkeiten. Mithilfe einer speziellen Datenbrille stehen Mechanikern alle notwendigen Informationen direkt in der Werkstatt zur Verfügung. In der Brille werden detaillierte Arbeitsprozesse über dem zu wartenden Gerät eingeblendet. Ergänzend dazu spricht eine Stimme, die sagt, welche Schrauben wo eingesetzt werden sollen. Die Automobilhersteller BMW und Honda setzen die AR-Technologie bereits in der Praxis ein. Die BMW Group will das AR-System vorerst in der Werkstatt nutzen.
Ob in der Automobilindustrie, wie Magna Steyr oder im Bereich der lenkbaren Ölbohrung, deren Technologie von der Schöller Bleckmann Oilfield bereitgestellt wird, Imagination liefert mit Computeranimationen die zur Produktpräsentation benötigte Visualisierungstechnologie. Sie bringt potenziellen Kunden und Investoren das Tätigkeitsspektrum der Firma, das häufig komplex und nicht einfach darstellbar ist, näher.
Marktpotenzial boomt
'Im Moment gibt es noch kaum Anwendungsgebiete, aber bereits erste Stimmen, die prophezeien, dass AR dasselbe Schicksal ereilen könnte wie die Virtual Reality (VR), welche vor rund 10-20 Jahren enorm gehypt wurde, und dann mangels Anwendungen weitgehend aus dem Bild der Öffentlichkeit verschwunden ist', erklärt Wagner, der bereits seit 2002 am AR-Einsatz auf Smartphones, PDAs und handelsüblichen Mobiltelefonen arbeitet. 'Der größte Markt für AR ist der Werbemarkt: Da haben schon sehr viele Unternehmen das Potenzial erkannt', betont Michael Gervautz. Den großen Boom erwarten die Experten für das kommende Jahr.
Spielerisch
Erfolgreiche AR-Praxisbeispiele gibt es, neben der Industrie, auch bereits in der Spiele-Branche: Im Rahmen des Mobile Monday 2009 in Wien wurde 'Wikitude', das der Entwicklerfeder von Mobilizy entspringt, vorgestellt. Derzeit ist die Anwendung allerdings nur auf Android-Smartphones verfügbar, eine Erweiterung auf das iPhone 3.0 ist aber dem Vernehmen nach schon in Vorbereitung.
Wikitude nutzt die in manchen Handys implementierten GPS- und Kompass-Sensoren und blendet die Informationen der Umgebung auf dem Bildschirm ein. Die Daten bezieht die Software von Google, Informationen werden beim Wissensportal Wikipedia nachgeladen. Zudem ist es eine nutzergenerierte Applikationen, was bedeutet, dass die Nutzer selbst Inhalte erstellen können und so für ein breitgefächertes Angebot sorgen. 'Aufgrund der sehr einfachen technischen Umsetzung ist es nicht gerade das, was sich Forscher typischerweise unter AR vorstellen würden, aber es zeigt sehr schön, in welche Richtung AR wahrscheinlich einmal gehen wird' erläutert Wagner.
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September 2009 / Eva Zelechowski
Den gesamten Artikel lesen Sie in der September-Ausgabe des pfm-Magazins.
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