Es ist das Zeitalter der Datensammler. Je weiter sich das Leben ins Web verlagert, umso deutlichere Spuren hinterlassen seine Nutzer dort. Die Informationen werden gesammelt, aufgehoben und verknüpft. Der Wermutstropfen: unfreiwillige Transparenz. Die Überraschung: Immer mehr Regierungs- und andere Organisationen erkennen das Potenzial dahinter, Daten ebenfalls im Internet frei zu lassen. Sie verlegen ihre oft über Jahrzehnte hinweg gesammelten und bisher weggesperrten Daten ins Web. Denn mehr Betrachter erhöhen die Chancen auf neue Erkenntnisse. „Überall auf der Welt werden riesige Mengen an hochgenauen Daten gesammelt. Doch was nützt das, wenn sie in unübersichtlichen Datensilos verschwinden“, fragt Trevor Fletcher, Leiter des Bereichs für analytische und statistische Systeme bei der OECD, im Rahmen der Konferenz „Statistik in Wissen umwandeln“, in die Runde. Seine Frage beantwortet Fletcher selbst: das Internet leistet Abhilfe. „Es ist die große Zeit der statistischen Websites“, verkündet er.
Zunächst kommen die meisten Daten aber einmal als endlose Excel-Tabellen daher und interessieren kaum jemanden. An dieser Stelle kommt Visualisierung ins Spiel. Die grafische Aufbereitung von Daten geht über schlichte Kurven und Tortengrafiken hinaus. Optisch ansprechende, interaktive Grafiken lassen den Benutzer selbst auf die Suche nach Erkenntnissen gehen. So lässt etwa die Grafikabteilung der New York Times seit einigen Jahren mit Visualisierungen aufhorchen, die das Zahlengerüst hinter den Storys eindrucksvoll in Szene setzen. Einige der interaktiven Grafiken sind so bekannt, dass sie auch unter Nicht-Lesern der Zeitung einen recht hohen Wiedererkennungseffekt haben. Eine ganze Reihe an designorientierten Publikationen, darunter das kalifornische Magazin „Good“, treiben die Entwicklung weiter voran. Zu Pionieren wie Many Eyes, einem Forschungsprojekt von IBM, das Visualisierung für die breite Masse der Internet-Nutzer interessant und zugänglich macht, mischen sich immer mehr Künstler und Grafikdesigner. Viele Visualisierungskonferenzen, die früher von Informatikern und Statistikern dominiert waren, sind heute interdisziplinär durchmischt. Netzwerk- und Genomvisualisierung, die Kunstwerken ähneln, sind ebenso verbreitet wie blütenähnliche Diagramme, die, im Fall des gemeinsamen Projekts von Designerin Stefanie Posavec und Greg McInerny, einem Forscher bei Microsoft Research, die textlichen Veränderungen von Darwins „Die Entstehung der Arten“ über sechs Auflagen hinweg vergleichen.
Daten mit persönlichem Bezug
Unsicher sind sich die Grafiker der New York Times darüber, ob sich die Betrachter an das Aussehen oder die Aussage der hübschen Bilder erinnern. Ob also Visualisierung, indem sich Designer allzu sehr in Liebhaberei verlieren, gar etwas von ihrer Aussagekraft einbüßt. Genaue Studien hierzu fehlen noch. Generell gilt, dass ansprechende Grafiken und gut portionierte Datenhäppchen die Wahrscheinlichkeit steigern, dass Benutzer eine Beziehung zwischen den Daten und ihrem eigenen Leben herstellen. Eine ganz deutliche Verknüpfung wird etwa auf der Website San Francisco Crimespotting hergestellt. Der interaktive Stadtplan der kalifornischen Stadt ist mit bunten Kreisen überlagert, die unterschiedliche Arten von Polizeieinsätzen beschreiben. Die in den USA öffentlichen Polizeiberichtsdaten werden damit, so die Betreiber, endlich auch benutzbar gemacht. „Wenn Sie Sirenen in Ihrer Nachbarschaft hören, sollten Sie wissen warum“, steht auf der Website. Die Macher von San Francisco Crimespotting gehen noch weiter: Anstatt einfach nur zu erfahren, wo etwas passiert, sollte sich für jedermann Tiefergehendes recherchieren lassen, etwa ob Raubüberfälle typischerweise in der Nähe von Morden geschehen.
Die USA pflegen einen traditionell freizügigeren Umgang mit Daten. Gehaltslisten mit den Namen öffentlich Bediensteter? Für jedermann im Internet zugänglich. Was einerseits in die Verletzung der Privatsphäre hineinreicht, führt in anderen Bereichen dazu, dass Datensammeln zu einer Art gesellschaftlichem Auftrag wird. Der schwedische Professor für Gesundheitswesen am Karolinska Institutet, Hans Rosling, hob bei seinem Vortrag auf der TED-Konferenz im letzten Juni die von den USA akribisch gesammelten Daten zur Kindersterblichkeit hervor. Rosling leitet die Gapminder Stiftung, in deren Rahmen die Visualisierungssoftware Trendalyser entwickelt wurde. Mit Hilfe der Applikation sollen globale Zusammenhänge neu betrachtet werden. Als Basis dafür verwendet Rosling frei verfügbare Daten.
Mehr Transparenz soll auch über die von der Obama-Regierung in Auftrag gegebenen Websites Data.gov und USAspending.gov erreicht werden. Damit sollen Amerikaner im Internet gewissermaßen die Versprechen des Präsidenten überprüfen können. Vivek Kundra, der oberste IT-Manager des Staates, präsentierte letztes Jahr zunächst Data.gov, wo sich alles von Erdbebendaten bis hin zu Aufzeichnungen über Fledermauspopulationen findet. Jeder, der sich für ein Thema interessiert, kann Daten herunterladen, sie einer Analyse- oder Visualisierungssoftware füttern oder selbst Software entwickeln. Große Teile der Daten waren bereits verfügbar, die Website führt sie nur zusammen und vereinheitlicht die Datenformate – eine wesentliche Erleichterung für die Analyse. Bei USAspending.gov, lässt sich die Verwendung von Staatsausgaben beobachten.
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Mai 2010 / Alexandra Riegler
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Mai-Ausgabe des pfm-Magazins.
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