Victor Conrad (1876-1962) hatte in den Dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts - wie sehr viel jüdisch-stämmige Forscher und Wissenschaftler seiner Zeit - kaum eine andere Wahl gehabt, als seine Heimat zu verlassen um in Übersee ein neues Leben zu beginnen. Als der Geophysiker Conrad 1938 Wien verließ, hatte er bereits eine beachtliche Karriere auf dem Feld der Geophysik und der Seismologie an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) gemacht. Nach seiner unfreiwilligen Entlassung aus dem Staatsdienst wanderte er mit seiner Ehefrau in die USA aus und setzte an einer Reihe amerikanischer Hochschulen seine wissenschaftliche Arbeit fort – zuletzt an der Harvard University in Cambridge.
Großzügige Hinterlassenschaft
Seine alte Heimat hat Conrad aber allem Anschein nach in guter Erinnerung behalten: Seine Witwe Ida F. Conrad hat der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Form eines Legates das gesamte Vermögen des Ehepaares Conrad überschrieben, mit der Auflage, dass mit diesen finanziellen Mitteln "ein Gebäude für wissenschaftliche Forschung errichtet wird" und dieses den Namen ihres Mannes trägt. 1975 bekam der Geophysiker Peter Melichar von der ZAMG den Auftrag einen geeigneten Standort für ein Observatorium zu suchen und die geophysikalische Planung und Gestaltung des Observatoriums durchzuführen. Die Erbschaft, die die ZAMG vom Ehepaar Conrad bekommen hatte, war in der Zwischenzeit beachtlich angewachsen – im Jahre 2002, als das Conrad Observatorium endlich eröffnet wurde, waren dies rund 1,2 Millionen Euro. Das ist etwas mehr als die Hälfte der gesamten Baukosten des Conrad Observatoriums in der Baustufe I.
Standortwahl
Das Conrad Observatorium liegt sehr abgeschieden in 1.000 Meter Höhe in einem Naturschutzgebiet auf dem Trafelberg in Niederösterreich. Von außen lässt sich wenig über die Beschaffenheit der Forschungsstation erahnen, und das ist auch beabsichtig. Die ganze Anlage liegt tief unter der Erde. Der Standort wurde wegen seiner extrem niedrigen Bodenunruhe, die industriellen oder natürlichen Ursprungs sein kann, ausgewählt. Bei der Standortwahl achtete man auf eine vertraglich festgelegte Schutzzone um das Observatorium und eine gesicherte Zufahrt weit ab vom öffentlichen Straßennetz. Außerdem war es von essenzieller Bedeutung, dass keine geomagnetischen Anomalien in der Umgebung des Observatoriums vorkommen, so Melichar. Der Messstollen verfügt ganzjährig über eine konstante Temperatur, die bei rund zehn Grad Celsius liegt; die Abwesenheit von Ventilation verhindert außerdem lokale Erschütterungen. Zu der Anlage gehören auch Laborräume, ein Büro, Küche und sanitäre Anlagen, so dass sie eine gute Arbeitsumgebung für Gastforscher aus der ganzen Welt bietet.
Drei Disziplinen
Das Herzstück der Anlage ist ein Messstollen, der in seiner Bauart einzigartig ist und zahlreiche Möglichkeiten zur Datenerfassung und Messungen bietet. Die Daten die am Conrad Observatorium erfasst werden, dienen der Erdbebenforschung (Seismologie) und der Wissenschaft von der Schwerkraft der Erde (Gravimetrie); in der Baustufe II des Observatorium wird das Forschungsgebiet auch auf die dritte Disziplin der Geophysik ausgeweitet, nämlich auf die Wissenschaft vom Magnetfeld der Erde – die Geomagnetik. "Nur die ergänzende Zusammenarbeit jeder der drei Disziplinen kann neues Wissen über unseren Planeten und die Eigenschaften von Erdkruste und Erdinnerem in optimaler Weise liefern", so Peter Melichar über die zurzeit einmalige Kombination der drei geophysikalischen Disziplinen.
Atomtest-Stopp
Außerdem verfügt das Observatorium auch über ein VSAT- System, welches zur Datenübermittlung via Satellit zum International Data Centre (IDC) der CTBTO (Comprehensive nuclear-Test-Ban Treaty Organization) dient. Die Kommission für die Atomtest-Stopp-Organisation mit Sitz in Wien hat die Aufgabe bei einem vermuteten Atomtest neben verschiedenen geophysikalischen Messungen und der Radioaktivität hoch auflösende geomagnetische Untersuchungen im Verdachtsgebiet durchzuführen. Die Hauptabteilung Geophysik an der ZAMG betreibt auch das NDC of Austria. Es ist dies das National Data Center für Österreich, dass heisst, dass die Forscher am Observatorium Zugang zu allen Daten des weltweiten Messnetzes mit mehreren Hundert Messstationen weltweit zur Überwachung des Atomtest-Stopp Vertrages haben und auch selbst mögliche, jedoch verbotene Atomtests lokalisieren und bestimmen können. „Sinn dieses Atomtest-Stopp Vertrages ist es, die weltweite Verhinderung von Atomtests zu erwirken, damit die Weiterentwicklung von Atomwaffen Technologien gestoppt wird und kein Wettrüsten auf diesem Gebiet stattfinden kann“, so Peter Melichar.
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Dezember 2008 / Olivera Stajic
Den gesamten Artikel lesen Sie in der Dezember-Ausgabe des pfm-Magazins.
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